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by mjnt

Unbeschreiblich weiblich!

Inés Mantel
Aoide: Poème
Knorr von Wolkenstein (Hrsg.), Magdeburg 2012
ISBN: 978-3000376016

Das Buch ist sehr schön aufgemacht, ein zartlila Cover suggeriert die Eis- oder Wasseroberfläche, auf der sich die Vokale des Namens der Muse des Gesangs spiegeln.
Den Vokalen fehlt das U, doch wird dieses Du vom deutschen Buchstaben D in eben diesem Sinne eines Gegenüber ersetzt. Das gefällt mir und ist die erste Oszillation. Das schmale Bändchen überrascht mit seinem reichen Inhalt. Dicht verdichtet Verdichtetes, kein seitenfressendes sieben Zeilen Gedicht nach dem anderen, sondern eine Komposition thematischer Farb- und Formwelten.

Auf 116 Seiten werden zwei CANTOS, zwei Gesänge also im Sinne Ezra Pounds, vorgestellt. CANTO 1 umfasst 39 Poème, CANTO 2 die Poème 40 bis 116. Eingebettet in schwarzes Tuch liegen die Perlen der AOIDE vor einem. Numerisch sind ihre Namen im Anhang aufzufinden.

Diese Klarheit des Aufbaus setzt sich nach einem gewissen Konsistenzplan durch. Vielfach streben die Fluchtlinien aus dem Gewebe, doch die Perspektive ist aspexisch: die Vokation wirkt wie die Draufsicht auf eine Hieroglyphe, unter der sich ein gewaltiger Mikrokosmos öffnet.

Die Gedichte regen zur Mitgestaltung an, sie schweben auf einer Mittellinie zwischen der Koketterie, sich verständlich zu geben, und der Heimlichkeit, sich hermetisch zu verweigern.
Wie Knollensteine im Rhizom wickeln sie sich aus und ein, beharrlich darin, sich dennoch zu verbergen.

Deterritorialisierungsbewegungen und Reterritoriaisierungsprozesse werden von asignifikanten Brüchen fortwährend in Resonanz gebracht und dennoch setzt die Einheit des Gespinsts ihre geistige Arbeit fort. Das Ungesonderte wird über die Konnexion zur totalen Innenaufnahme, die sich nach außen stülpt.

Eine unbezähmbare Freude an der Sprache setzt sich in dieser Lyrik autonom. Die Sinnbezüge sind in die völlige Freiheit des Lesers geschenkt worden. Neologismen machen staunen und bewundern. Ja, es gelingt, das Unsagbare einzufangen in autonomes Sagen.

Wer aufregend neue Lyrik lesen will, sollte sich diese nicht entgehen lassen.


Susanna Bummel. München.

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