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by mjnt

Inés Mantel
Aoide: Poème
Knorr von Wolkenstein (Hrsg.), Magdeburg 2012
ISBN: 978-3000376016

Wie nähert man sich Texten, die so eindeutig über das Literarische hinausweisen, auch - aber nicht nur - weil schon der Buchtitel die Muse des Gesangs & der Musik zitiert? Nicht nur, aber auch, weil das Malerische den Leser wörtlich schon im ersten Vers aus Canto 1 als "Insektenmalerei" anspringt, bzw. als "insektenmalerei", da Mantel in der "lyrischen Lyrik" der Kleinschreibung huldigt, während sie bei lyrischer Prosa lese(r)freundlicherweise die vorletzte deutsche Rechtschreibung verwendet.

Angesichts der Doppelbegabung der Schweizer Autorin & bildenden Künstlerin lag vielleicht eine Versuchung in der Luft, das Buch entsprechend graphisch auszustatten. Dieser ausschließlich vom Rezensenten behaupteten Versuchung hat Inés Mantel jedenfalls widerstanden. Was gut ist, denn diese Gedichte sind so komplex, dass ein fauler Leser gerne Abkürzungen und Schatzkarten benützen möchte, und gerade das wäre eben schade. Das blumige Vorwort des Herausgebers, das den Dichter als von Gefühl & Glauben angetriebenes heimat- & erdverbundenes Wesen beschreibt und sein Wandern zwischen Traum & Wirklichkeit als Beitrag zur Befreiung des Menschen lobt, verweigert dem Leser Patentrezepte für ein gefahrloses Eindringen in die Mantel'sche Bilderwelt. Vermutlich, weil es die nicht gibt. Man riskiert zwar nicht gerade Kopf & Kragen bei der Lektüre, doch Verschiebungen der Realität & des Wortsinns sind sowohl Arbeitsmethode der Autorin als auch unvermeidliche Nebenwirkungen beim Leser.

Am besten scheint es mir, in diese phantastische Wortlandschaft blindlings & offenen Auges zugleich hineinzugehen und bei allen Bildern geistig-sinnliche Wegmarken zu setzen, um bei einer zweiten & allen weiteren Begehungen diesen (eigenen) Pfad immer mehr zu vervollständigen, d.h. auch mit mitgebrachten Eindrücken, Erinnerungen, Ängsten & Träumen auszustatten. Und mitzusingen, denn wo bliebe sonst Aoide!

bin ich diese / insektenmalerei auf aluminium?/ immermeer im liebesinselland?

Ich muss zugeben, manchmal überkommt mich angesichts derart enthemmter & ungehemmt romantischer Wortmalerei ein gewisser mitteleuropäischer Abwehrreflex. Ist da vielleicht irgendwo eine Ironie versteckt, die dieses "liebesinselland" gleichsam abfedert? Wenn, dann ist sie recht gut versteckt. Und wie geht's danach weiter?

tagemärsche durch nebeltäler / an schluchten vorbei / finde ich die form befreie mich / und modelliere hirn in arsch / heimgesucht-wirbelndes ist angekommen / spricht mich zärtlich ins freie

Auch wenn man es zunächst nicht vermuten würde, Form & Freiheit widersprechen sich bei Inés Mantel nicht, es handelt sich allerdings um keine klassische, auch keine klassizistische Form, sondern eine, wo aus Hirn & Arsch anstatt eines gediegenen Ausgleichs etwas Neuartiges modelliert wird. Die Überhöhung & Überwindung der Realität mit den Mitteln des Traums. Im dunklen Licht des Unterbewussten verbindet sie, was im blendenden Licht des Bewussten auseinanderfällt.

Das Wort, die Sprache, das Satzgewebe sind immer wieder auftauchende Meditationsobjekte in diesen zwei Canti:

... ich hole mir texte aus der lunge / oder dem zwerchfell / finde sie im kühlschrank am morgen wieder

... denn nur was geschrieben steht, gewinnt an Existenz.

... buchstabenzähne spitzend / an den ästen einer diamantsprache

... werde mit dir in steinsprache reden / in schneesprache vielleicht auch / kommt darauf an wie viel uhr die sockenrippen / der alten nachbarin zählen / mit silben aus frischem grün

Steinsprache, Schneesprache? Zu lesen & schreiben gilt es für Inés Mantel auch die Landschaft. Assoziationen zur sinnlichen Naturlyrik eines C.F.Meyer drängen sich auf, wozu ein bewusst anachronistischer "hoher Ton" beiträgt & eine schwere Fülle der Jahreszeiten, garniert mit einigen vergilbten Auslassapostrophen. Diese vom Himmel "tropfende" "farbe 'natur' " muss der Leser erst einmal verdauen, ohne sich davon verschlingen zu lassen. Je weiter man sich in dieses Arkadien hineinbegibt, desto deutlicher erkennt man, dass die Autorin ausgehend vom Anklingen verwandter Saiten zu völlig eigenem Spiel findet. Das Land, wo Inés Mantel anzulanden begehrt, ist "in sprache gefasst".

Die Landschaft als Seelen- & Sprachregion, da steckt viel drin, auch gerne zu viel. Das im Einzelnen zu kritisierende Zuviel wird aber im Gesamten zum Nie-genug, zur Grenzüberschwemmung aus Prinzip.

Ob in manchen Versen nicht doch eine Pirouette zuviel gedreht wurde in seeliger Berauschung? Im Gebirge der Sprache kommt es auch zu Abstürzen und nicht jedes Ausgleiten lässt sich zur künstlerischen Freiheit stilisieren. Die surrealistische Assoziationsmaschine entzieht sich herkömmlicher Logik; befreiend für den Schreibenden, doch auch gefährlich: man lässt ihr zuviel durchgehen. Reitet man den Pegasus oder wird man schon geritten?

Ich habe dieses Buch noch nicht fertig gelesen. Weil es nie fertig zu lesen ist. Wo man bereits vertrautes Terrain abgesteckt hat, tun sich plötzlich neue Abgründe auf, und irgendwer scheint außerdem an den Wegweisern zu drehen. Der Satz "und grundsätzlich ist nichts wie es scheint" ist kein praktischer Spazierstock fürs Leseabenteuer, muss aber dennoch mit ins Gepäck. Unbedingt.

Wolfgang Ratz, April 2013

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